"Wir haben die Chance, europaweit Nummer eins zu werden, was die Digitalisierung betrifft."

Bernd Buchholz im Gespräch mit Theo Weirich.

Theo Weirich ist Geschäftsführer von wilhelm.tel und Werkleiter der Stadtwerke Norderstedt. Mit Wirtschaftsminister Bernd Buchholz diskutiert er über den Aufbau eines eigenes Glasfasernetzes, den Weg zur technologisch führenden Metropolregion und schnelles Internet in der Elbphilharmonie.

 

 

 


 

 

Bernd Buchholz: Moin aus Kiel und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge meines Podcasts „Echte Chancen“. Mein Name ist Bernd Buchholz, ich bin Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein und in meinem Podcast diskutiere ich mit Menschen aus dem echten Norden, die mit Herzblut die Zukunft anpacken und gestalten. Wir sprechen über Erfolge, Perspektiven in Zukunftsbranchen in Schleswig-Holstein, über Dinge, die man mit Schleswig-Holstein nicht sofort assoziiert, sondern mit Menschen, die machen und das Land voranbringen. Mein heutiger Gast sorgt dafür, dass die Digitalisierung an Tempo gewinnt, und zwar nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch in der ganzen Metropolregion Hamburg. Bei mir ist Theo Weirich. Er ist Werkleiter bei den Stadtwerken Norderstedt und Geschäftsführer von “wilhelm.tel“. Herzlich willkommen, Herr Weirich!

Theo Weirich: Vielen Dank für die Einladung.

Was macht wilhelm.tel als eine Firma der Stadtwerke so Besonderes, dass Sie als bundesweiter, ja Internet-Pionier gelten, Herr Weirich?

Ja, ich glaube, das hängt damit zusammen, dass vor mehr als 20 Jahren eine Entscheidung getroffen worden ist, in die Zukunft zu investieren und vor allen Dingen auch auf die Zukunft zu wetten.

Vor 20 Jahren hat man bei den Stadtwerken, das sind ja so normalerweise Energieversorger, die dafür sorgen, dass Gas zu Hause ankommt und dass Abwasser abgeleitet wird. Aber bei den Stadtwerken hat man die Entscheidung getroffen, dass Sie dafür sorgen sollen, dass die Zukunft angepackt wird.

Naja, also das war damals von dem damaligen Werkleiter Volker Hallwachs, muss ich dazu sagen, das war die Idee, der hat gesagt: Was wir gut können, ist Infrastruktur, wir können auch gut Rechnungen schreiben und wir müssen uns was Neues suchen. Und dann ist er auf die Idee gekommen oder hat dann gemeinsam etwas angestoßen und hat gesagt: Wir müssen in eine neue Kommunikationstechnologie investieren. Und dann hat man sich ein Jahr zusammengesetzt und hat gesagt: Was machen wir? Und die richtige Entscheidung, die damals war, warum wir so erfolgreich waren, die Entscheidung, alles neu zu machen. Keine alte Technik von irgendeinem Telekommunikationsunternehmen zu nehmen, zu mieten, zu pachten, weil das war alles Bürokratie. Man hat sich entschieden, alles neu zu machen und mit Glasfaser.

„Wir haben damals“ haben Sie gesagt - in welcher Rolle waren Sie damals vor Ort bei den Stadtwerken oder wann sind Sie dazugekommen?

Ich bin als Berater dazugekommen, hatte von Telekommunikation nicht allzu viel Ahnung. Also wir hatten schon damit die Thematik aufgefasst, aber es ging darum: Ist Telekommunikation eine Zukunftsform für ein Geschäftsfeld in Infrastruktur? Und dann haben wir uns hingesetzt und haben das ganze Thema durchgespielt und haben gesagt: Wenn wir es machen, machen wir es richtig und die Entscheidung ist dann gereift.

Und das war jetzt wann ungefähr?

Das war 1998 und dann ist ‘99 im Februar die Firma gegründet worden, da bin ich auch gleich Geschäftsführer geworden.

1998/99, wo ehrlicherweise die, ich sag mal die Dinge im Internet noch also absolut in den Kinderschuhen steckten. Da waren, es gab so Anwandlungen, es gab die ersten Start-Ups, die im Internetbereich irgendwo waren. Aber dass ein Stadtwerk jetzt auf die Zukunft der Kommunikation in neuer Form setzt, das war außergewöhnlich.

Ja, aber Sie müssen das auch ganz einfach sehen, was die meisten vergessen haben: Wir haben ja die erste Dotcom-Blase 2000 gehabt. Und wenn man die analysiert hat, wusste man warum die Geschäftsmodelle, übrigens die heute die gleichen sind als damals, warum die nicht funktioniert haben. Die haben deswegen nicht funktioniert, weil die Bandbreite nicht da war. Das haben nur die meisten nicht erkannt. Die haben das Gepiepe im Internet nur gekannt. Und dann hat man ganz klar alle Studien, die zumindest vom Weltwirtschaftsforum, die haben alle gesagt: Wir brauchen Glasfaser. Aus dem asiatischen Raum hat man das schon gekannt. Ja und dann hat man gesagt: Okay, wir wetten jetzt mal auf die Zukunft. Und die Prognosen waren, dass sich alle drei bis vier Jahre die Geschwindigkeit verdoppelt und dann wusste man, in spätestens fünf Jahren brauchen wir mindestens 250, 500, vielleicht sogar ein Gigabyte. Das hatte man damals schon im Fokus. Es ist ein bisschen später gekommen, aber das war dann so die Entscheidungsgrundlage, das zu sagen: Okay, jetzt machen wir das richtig. Und dann war natürlich die Frage, wir müssen uns da auf fünf bis zehn Jahre einstellen: Wie kann man das einer Stadt oder einem Stadtwerk, das ja noch im Eigenbetrieb war, wie kann man das kommunizieren in die Politik?

Und wie haben Sie es kommuniziert in die Politik? Wie haben Sie es der Politik schmackhaft gemacht?

Also zunächst mal, Erik Hoppe sagt ja: Wer führen will, muss die Sprache des Volkes oder der Menschen sprechen, aber er muss auch die Sprache des Sehers und des Visionäres sprechen. Das heißt, wir haben erstmal das ganze Thema auf die Sprache der Feierabend-Politiker gebracht und dann eine Vision gebracht und haben gesagt: Wir können eine Metropolregion mitgestalten. Und da waren sie sofort dabei, weil die politische Zielsetzung war dann natürlich klar: Wir können hier etwas aufbauen.

Das war der Beginn, das muss man jetzt mal sagen, des Glasfaserausbaus in Schleswig-Holstein. Es war der Beginn, dass ein Stadtwerk, eine kommunale Einrichtung, gesagt hat: Menschenskinder, wir setzen auf die Zukunft, auf die Infrastruktur der Zukunft. Wir sorgen für die Bandbreite der Zukunft. Wir sorgen in dieser Stadt dafür, dass Glasfaserausbau möglichst flächendeckend in der Stadt vorangetrieben wird.

Genau. Das hat man dann also dann so vorangetragen. Man muss aber dazu sagen, alle Studien haben dann gesagt: Ja, ob das die Lösung ist, es gibt doch besser mögliche, billigere Möglichkeiten über das normale Internet der Kupferleitungen. Dann haben wir gesagt: Okay, wir brauchen fünf Jahre, um das durchzuführen. Und dann war natürlich die Frage: Wie kann ich die Risiken abdecken? Und dann haben wir gesagt: Okay, lasst uns anfangen. Und wir haben Ausstiegsszenarien entwickelt, die nie in Anspruch genommen wurden. Man hat einfach das Unglück mit eingeplant. Man hat also das Scheitern mit eingeplant, indem man gesagt hat: Wir fangen mal an, wir wollen 10, 20 Prozent. Und nach spätestens zwei Jahren wussten wir, dass wir 100 Prozent kriegen und hatten eigentlich diese Ausstiegsszenarien nicht in Anspruch nehmen müssen. Aber es war wichtig für die Politik zu wissen, es ist kein Open End, kein Investitions-weg. Notfalls hat man das Startkapital von 8 Millionen D-Mark, die wir damals bekommen haben.

Aber nochmal: 20 Prozent oder 100 Prozent - das heißt 20 oder 100 Prozent Anschlussfähigkeit und Anschlüsse…

Ja.

…für Glasfaser. Etwas, wo man ja noch heute bei dem ein oder anderen Schwierigkeiten hat, ihn davon zu überzeugen, dass er so einen hochfrequenten, also einen breitbandigen Anschluss tatsächlich haben muss. Sie haben damals darauf gesetzt, Ende des letzten Jahrtausends muss ja man sagen, dass man genügend Menschen in Norderstedt findet, die sagen werden: Jawoll, da machen wir mit. Und Sie haben die gefunden. Das ist ja aber auch eine große Marketingaktivität, eine große Kommunikation gegenüber den Menschen in einer solchen Stadt. Wie hat das geklappt, wie hat das funktioniert?

Ich muss Ihnen sagen, das war gar kein Problem, die haben uns die Bude eingerannt. Die wussten: Ah, die machen etwas für uns und da kriege ich einen 10 Megabyte Anschluss, wo die Telekom noch 75 Kilobyte hatte, und ich kriege es innerhalb von einem halben Jahr, wenn ich mich gleich melde und es kostet mich nichts im Anschluss. Und so haben wir angefangen. Und das ging relativ schnell, die Leute haben das sofort auch antizipiert: Das ist unser Laden, die haben sich auch eingebracht. Wir haben Veranstaltungen gemacht, wie man mit Set Top Boxen, wie man mit dem Internet auch umgeht. Wir haben verschiedene Schulungen gemacht mit den Schülern und so weiter. Wir haben also ein ganz breites Programm im kommunalen Bereich, das war manchmal ein bisschen Folklore-mäßig, aber das wurde total akzeptiert. Und wir haben 2005, das müssen Sie sich mal vorstellen, Norderstedt hat 35.000 Haushalte und 2005 hatten wir 33. 500 Haushalte angeschlossen.

Schon im Jahr 2005 33.000 Haushalte, 33.000 Bürgerinnen und Bürger an einem Glasfasernetz angeschlossen waren, das die Stadtwerke zur Verfügung stellten und von dem ausgehend die Geschichte Ihrer Firma wilhelm.tel dann ja auch noch weitergeht, weil es nicht nur um das Erschließen von Norderstedt ging.

Ja, am Anfang hat man uns so einen kleinen Zaun gegeben, wo man gesagt hat: Also ihr dürft nur in Norderstedt arbeiten. Um das Risiko abzudecken. Und dann haben wir ganz seltsame Begegnungen gehabt. Es gab Kunden, also Geschäftskunden, die von Norderstedt nach Hamburg gezogen sind, das gab's auch. Es gab es aber auch umgekehrt, also wir haben auch sehr viel Zuzug gehabt. Und es hat nicht lange gedauert, dann standen die bei mir auf der Tür und haben gesagt: Sag mal, kannst du das nicht auch in Hamburg machen? Und so sind wir dann in die Essener Straße, dann sagte mir mein Tiefbau: Da darfst du doch gar nicht hin. Aber ich sagte: Das hast du nicht gesehen. Und so haben wir uns so langsam nach Hamburg geschlichen. Und der große Durchbruch kam 2005/2006, als die Wohnungswirtschaft gesagt hat: Wir wollen genau das, was ihr in Norderstedt gemacht habt, auch in Hamburg. Und dann kamen die, fast alle Genossenschaften, also alle großen privaten und alle städtischen Wohnungsbauunternehmen, mit denen haben wir dann die Verträge geschlossen und mittlerweile sind es über 450.000 Haushalte, also das …

Nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Diese 1998 gegründete Firma in Schleswig-Holstein macht zunächst mal Glasfaserausbau in der eigenen Stadt, in Norderstedt. Ist damit erfolgreich und beginnt dann die große Metropole Hamburg glasfasermäßig auszubauen und dafür zu sorgen, dass in Hamburg schnelles Internet, insbesondere in diesen großen Wohnkomplexen der Saga, tatsächlich stattfindet und das alles von Norderstedt aus, unterwegs gewesen mit einer Firma, die von den Stadtwerken ausgeht. Das ist ja eine skurrile Geschichte, Herr Weirich. Fühlt man sich dann nicht ein bisschen besonders, wenn man plötzlich in Hamburg in dieser Szene rumläuft und für den Glasfaserausbau sorgt?

Also ich fühle mich jetzt sagen wir mal in Hamburg nicht besonders. Aber ich fühle mich gegenüber München und Köln besonders, weil die das fünf Jahre vor uns gemacht haben und die drei Nummern größer waren als wir und wir mittlerweile in der gleichen Größenordnung sind. Und das, da bin ich ganz, also da können wir doch sehr stolz sein, dass wir das geschafft haben.

Ja, das glaube ich, kann man wirklich auch sagen. Denn wenn man heute nach Hamburg kommt, auch was das Thema WLAN angeht, ich sage mal auf der Terrasse der Elbphilharmonie steht, dann hat man da “MobyKlick“ als WLAN. Und das ist Ihre Firma, die das WLAN auf der Elbphilharmonie zur Verfügung stellt. Nicht nur dort, sondern auch in Norderstedt, in der Stadt Norderstedt. Da gibt's ja nicht nur Glasfaser, sondern das WLAN-Thema haben Sie parallel noch ausgebaut.

Ja, also das ist ja die nächste Stufe gewesen. Also Infrastruktur ist ja ein Thema. Das ist ja in Schleswig-Holstein ein wichtiges Thema, dass wir die Infrastruktur in den Boden bekommen. Aber das nächste, was bei uns dann wichtig war, wir haben gesagt: Wir müssen die Wertschöpfung nach oben treiben. Also nach oben treiben heißt, wir müssen sie dahin bringen, wo die Wertschöpfungsstufe noch besser ist. Das heißt, die Digitalisierung hat da einen ganz essentiellen, klaren Auftrag: Du musst in Zukunft mobil erreichbar sein und die Entscheidung wird auf dem Handy getroffen oder auf dem Tablet und nicht mehr auf einem festen Arbeitsplatz. Also wir sind zu 85 Prozent heute mobil und die Frage war einfach zu beantworten. Und dann war die Idee zu sagen: Okay, lass uns WLAN machen, und zwar freies WLAN für alle Kunden. Dann haben alle gesagt: Wieso frei? Naja, man muss anfangen eine, ein System, was man auf der Erde hat, in die Luft zu bringen. Und die Kunden, die haben das sofort angenommen und dann haben wir, übrigens nicht nur Hamburg - wir haben ja komplett Hamburg, den Nahverkehr, alle Busse, 11.000 Haltestellen, über 172 Bahnhöfe, die vier Großbahnhöfe, wir haben sogar die S-Bahn, die hat das gar nicht gemerkt, ausgestattet. Wir haben die Touristenzentren, die Großterminals, also alles, was Sie sich vorstellen, wir haben fast 5.000 Antennen mittlerweile und sind weiter im Ausbau. Und alle warten darauf. Und das war eigentlich die Voraussetzung, dass wir in dieses Thema Digitalisierung reinkommen. Das haben die meisten gar nicht verstanden, dass es wichtig ist, die Hoheit auch über die Telekommunikation in die Luft zu bekommen. Übrigens, das macht Google und Tesla macht das heute mit Satelliten. Die wollen da auch rein. Also man sieht, dass die Idee gar nicht so schlecht war von uns.

Das ist in der Tat, nur Sie haben sie ja deutlich früher gehabt. Und wenn Sie jetzt sagen: Naja, es lag auf der Hand. Da muss man ja sagen: für Sie lag es auf der Hand, andere haben es aber nicht so gesehen und waren deutlich langsamer.

Aber das ist doch der Vorteil. Wenn alle anderen sagen, wir machen es nicht, dann können Sie doch quasi das Revier gleich sofort erobern!

Im Nachhinein sage ich jetzt auch: Super. Ich weiß nicht, wie ich davor gewesen wäre, wenn ich 2005 da gesessen hätte und gesagt hätte: Irre Investition aus einer Stadt Norderstedt dafür, dass man da jetzt auch noch Hamburg quasi mit aufnimmt, aber natürlich auch eine Wirtschaftschance. Das sehe ich schon ein. Aber schon auch ein ziemliches Risiko für die Kommunalpolitik mit Ihren Stadtwerken so voranzupreschen.

Das ist richtig. Also man wird immer wieder auf den Boden der Tatsachen, des Risikos zurückgeführt. Aber mittlerweile sind die Erträge in der, in der neuen Welt höher als in der alten Welt.

Im Nachhinein wissen wir alle in Zeiten von Corona zu schätzen, was es bedeutet, dass man im Upload so schnell ist wie im Download, weil eine Videokonferenz eben nur funktioniert, wenn man die entsprechenden Bandbreiten auch hat. Und im Streaming ist das heute auch so. Aber damals war, gab's ja noch nicht so wahnsinnig viele Angebote. Das heißt doch, Sie mussten auch auf der Inhalte-Seite in Wahrheit irgendwas zu bieten haben, was die Leute überzeugt.

Naja, also da, das war eine der auch der ersten Entscheidungen. Wir haben für 22 Jahre einen lokalen Fernsehsender auf die Rille geschoben, auf Deutsch gesagt. Also das wird heute betrieben von einem Privaten, über 22 Jahre haben wir lokales Fernsehen zunächst in Norderstedt und dann in Hamburg gemacht. Regional Kiez-Fernsehen, haben also die Inhalte auch zum Teil von uns reingebracht. Wir haben mit über 500 Sendern weltweit Verträge, wo wir diesen Inhalt reinbringen. Wir haben eigene Verschlüsselungsplattformen aufgebaut, also all die Wertschöpfung immer versucht, in den Bereichen auch wirklich selbst zu toppen und hineinzubringen, um eigentlich auch damit Geld zu verdienen und das hat funktioniert. Und natürlich war das am Anfang immer eine Frage, so hohe Investitionen. Aber Sie können es mit Partnern gemeinsam machen, Sie können Sharing Economy, Sharing-Infrastruktur, was von der EU jetzt auch in den Richtlinien Kompetenzen reinkommt. Genau das haben wir schon relativ früh partizipiert. Wir haben einen Partner aus Hamburg mit reingenommen. Wir haben gemeinsam das Netz gebaut und haben auf eine Idee gesagt: Okay, wir nutzen das gemeinsam und da haben wir nur die Hälfte der Kosten. Das waren also Projekte, die wir so angenommen haben, gemeinsam gestaltet haben. Und dann hat das auch funktioniert.

Wir haben heute eine Größenordnung von über 50 Prozent Anschlussfähigkeit ans Glasfaser in Schleswig-Holstein. Damit sind wir als Flächenland ganz weit vorne. Kaum einer weiß das. Ist das heute noch ein entscheidender Faktor für Menschen und für Unternehmen, sich anzusiedeln, dass diese Infrastruktur gut ausgebaut vorhanden ist oder setzt man es heute einfach zwingend voraus?

Also Sie kriegen noch nicht einmal mehr ein Einfamilienhaus ohne einen ansprechenden Internetanschluss gebaut in einem Baugebiet. Also da brauchen Sie gar nicht zu fragen. Als wir anfingen, hieß es immer: Die Bauern sind die, die am meisten Probleme haben mit Kommunikation. Heute sind die Bauernhöfe die bestausgestattetsten digitalen und über Kommunikationslinien versorgten Unternehmen im Land. Also die Frage stellt sich für mich nicht. Das Thema ist nun nur ungleich schwieriger für das Land Schleswig-Holstein gewesen, weil wir haben ganz einfach von der Metropolregion profitiert. Dass der Druck riesig war aufgrund der Wohnungsnot, aufgrund der vielen Wohnungen, die Leute brauchten das alle, heute noch umso mehr. Da hatten wir‘s relativ einfach. Die Kosten waren nicht so hoch wie jetzt auf dem Land. Und wir sind ja auch dabei, die schleswig-holsteinischen Städte jetzt auch entsprechend auszustatten. Den Mut in den Städten haben die anderen Stadtwerke nicht so einfach gehabt, weil es für die auch schwieriger war, weil es muss, man muss Vertrieb machen, man muss kommunizieren. Sie müssen viel, viel draußen sein bei den Kunden. Und das ist natürlich ein Auftrag, der für viele jetzt erst aufgenommen wird.

Sie haben es gerade gesagt: In einer Stadt ist es das eine, da hat man aber viele, viele Nutzer auf einem Haufen. Im ländlichen Bereich ist es in der Tat manchmal schwerer und doch sind heute die Anwendungen, ich sage mal Smart Farming, Sensor-Technik, Einsatz in der Landwirtschaft, autonomes Fahren in ländlichen Regionen. Das sind alles Anwendungsthemen, bei denen wir sagen: Jawoll, gut, dass wir so viel Glasfaserausbau in Schleswig-Holstein haben. Denn das macht diese Anwendungen in einem ländlichen Bereich möglich und das ist die Zukunft. Es ist die Zukunft aber auch bei uns, die zu weiten Teilen Realität ist, wie bei Ihnen in Norderstedt andere Dinge Realität sind, die heißen: Naja, also, dass ich im Zweifel Smart Home betreibe, dass ich einen intelligenten Stromzähler habe, dass ich darüber auch noch was habe. Das ist bei Ihnen Standard.

Ja, also das eine befruchtet das andere. Als wir, wie gesagt, mit der Digitalisierung angefangen haben, also mit dem Glasfasernetz, war ja die nächste Frage: Was passiert mit der Digitalisierung der Energiewende? Da gab es ja Gesetze, die man dann reingebracht hat und dann haben wir uns 2013 entschlossen: Gut, dann machen wir jeden, jeder Kunde, der kriegt eine intelligente Messeinrichtung und wir werden dem einen Tarif anbieten, der dynamisch ist, er kann den von außen, von innen steuern, er kann sofort ablesen, was in seinem Haus los ist am Stromverbrauch und so weiter. Das haben wir 2013 begonnen, wir waren 2016 durch. Wir haben in jedem Haushalt in Norderstedt eine intelligente Messeinrichtung eingebaut.

Und heute in 2021 an ganz vielen Stellen in Deutschland immer noch die alten Zähler hängen …

Ich hab mal einen Chef gehabt, der zu mir gesagt hat: zu spät kommen ist ein Problem, aber zu früh auch. Aber ich habe immer gelernt, wenn du zu früh kommst, lernst du erstmal das Thema kennen. Und wir haben sehr schnell kennengelernt, wo die Probleme liegen, wie man den Kunden bedient. Das war immer, der Kunde war bei uns immer im Vordergrund. Was kann ich dem Kunden bieten? Ich sage mal ein kleines Beispiel: Wir haben es geschafft, dass ein Kunde, wenn er zur Tür raus geht, eine Meldung bekommt, dass sein Bügeleisen noch an ist. Sie können natürlich sagen, das ist trivial, aber für viele Kunden haben die gesagt: Ich will so ein Ding haben.

Wenn wir heute, im Jahr 2021 Schleswig-Holstein betrachten und uns die Landschaft ansehen, die Zukunft ansehen, Sie von Norderstedt aus das ganze Land betrachten - das ist die Herausforderung der Zukunft für das Thema Digitalisierung in unserem Lande noch, denn wir sind relativ weit, was Glasfaserausbau angeht. Aber 5G ist das nächste Thema, das nächste große Thema der mobilen Netze. Aber auch unsere Städte sind durchaus immer noch ein bisschen schwierig hinterher. Wo liegt die zentrale Herausforderung der Zukunft?

Ich denke mal ein bisschen weiter. Noch zehn Jahre voraus. Wir haben hier die Chance, europaweit Nummer eins zu werden, was die Digitalisierung betrifft. Das ist kein herausragendes Ziel. Also manche sagen: Du bist bescheuert, das ist doch verrückt, so ein Ziel zu setzen. Aber ich glaube, wenn wir das richtig angehen und wir haben hier alle Voraussetzungen. Wir haben eine starke Metropole, die zieht uns mit. Sie kann um das Umfeld in Norddeutschland, also von Wismar bis Bremen, können wir hier als Schleswig-Holsteiner mit Hamburg, und wir bestimmen in Hamburg, was läuft in der Infrastruktur, wir könnten es schaffen, hier einen Digitalisierungs-Schwerpunkt, einen - wie hat das letztens ein Bericht … das ist das, die norddeutsche Tiefebene … das Silicon Valley der norddeutschen Tiefebene - wir könnten in diesen Bereich hineinkommen, wenn wir es schaffen, langfristig so einen Plan aufzustellen. Wir hätten hier die Möglichkeit, wirklich ein Juwel an Landschaft, einen Schwerpunkt für die Digitalisierung zu machen. Das wäre mein Ziel, wo ich sagen würde da müssen wir uns drum kümmern.

Das ist doch ein schönes Ziel. Denn in Wahrheit geht es darum, Schleswig-Holstein, die Metropolregion Hamburg, und Sie haben ja eines deutlich gemacht: Wir denken nicht so sehr an Ländergrenzen, sondern wir denken den Norden als gemeinsame Region. Das ist eine Vision, die vielleicht für den einen oder anderen verrückt klingt. Für mich klingt sie nicht verrückt, weil ich glaube, dass wir in der Tat diese Chance genau haben, im Norden mit dieser Metropolregion Vorreiter zu sein für viele andere und zu zeigen, dass wir in der Digitalisierung ganz weit vorne sind. Nicht wie so viele immer sagen: In Deutschland ist man hinten. Sondern in der Metropolregion Hamburg im Norden, in Schleswig-Holstein wollen wir, was das angeht, ganz weit vorne sein. Theo Weirich mit einer Firma, die in Norderstedt sitzt, am Hamburger Rand und da braucht man ja inzwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Ganze auch betreiben und vorantreiben. Haben Sie ein Problem mit Fachkräften?

Natürlich haben wir Probleme mit Fachkräften. Aber wir haben ein Konzept entwickelt. Einmal, wie wir uns die Kräfte selbst ziehen, wir haben über 60 Auszubildende und wir finanzieren denen auch die Weiterbildung, Studium. Aber wir haben auch ein Betriebsklima zum Beispiel, dass viele Leute auch nicht nur wegen dem Geld kommen. Weil wir können nicht so viel zahlen wie die Großunternehmen in Hamburg. Also das läuft eigentlich ganz gut und die Leute sind, die Menschen, die bei uns arbeiten, die sind, behaupte ich mal, nicht nur wegen dem Geld bei uns. Die freuen sich, weil sie, und das inspiriert auch sehr stark, weil sie selbst was gestalten können.

Haben Sie denn real Schwierigkeiten, Fachkräfte genügend zu finden oder kriegen Sie immer noch genug, wie Sie brauchen?

Also das ist aber glaube ich branchenübergreifend: IT-Spezialisten, Fachinformatiker, die bilden wir jetzt aus. Endlich, selbst. Da fehlt es noch, aber ich glaube, dass wir das in den nächsten zwei, drei Jahren auch in den Griff kriegen. Aber das macht jeder dann …

Aber selbst in die Hand nehmen ist da schon auch wichtig. Man muss dann schon selbst für die Ausbildung sorgen, das ist der beste Weg, um Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Also Sie können, vor allen Dingen müssen Sie eins wissen: Das, was Sie tun, macht ja nicht jeder. Und was wir an Bandbreite, an Wertschöpfung haben, da müssen Sie schon ausbilden. Also das geht los beim Kfz-Mechaniker und hört auf, wie gesagt beim Fachinformatiker oder beim entsprechenden Programmierer, der bestimmte Anwendungen macht. Also das ist schon sehr groß und da müssen Sie schon viel selbst investieren in die Ausbildung. Und wir geben auch sehr viel Geld aus für die Ausbildung.

Wie viele Mitarbeiter hat Ihre Firma?

Wir haben 520 Mitarbeiter inklusive 60 Auszubildende.

60 Auszubildende auf 520 Mitarbeiter. Also ein großer Ausbildungsbetrieb ist in Norderstedt Ihre Firma auch noch.

Und noch was: Bei uns macht jeder den Pilotenschein, wenn er anfängt, dass wenn er bei uns …

… den Pilotenschein?

Ja. Er muss eine Drohne fliegen können.

Drohne fliegen können! Ja, das ist natürlich der besondere Pilotenschein. Das ist doch mal schön. Also wer Lust hat, Drohnenpilot zu werden, der darf sich gerne an die Norderstedter, an wilhelm.tel wenden in Norderstedt. Da wird man am Anfang gleich auch noch Pilot. Am Ende meines Podcasts stelle ich immer drei schnelle Fragen mit der Bitte um schnelle Antwort, um mal ein bisschen was zu hören, wie der Mensch Theo Weirich tickt und deshalb die Erste: Die besten Ideen habe ich …

…wenn ich irgendwo sitze, zuhöre und einen Teil meiner linken Gehirnhälfte abschalten kann und dann kommen mir die besten Ideen.

Mein liebster Ort in Schleswig-Holstein ist …

… ist die Aegidienkirche in Lübeck, wenn, insbesondere wenn Konzerte stattfinden.

Oh, ein Konzert-Liebhaber! Klassische Musik. Sie sind ein klassischer Musikliebhaber?

Mehr Jazz, aber ich höre mir auch ab und zu mal klassische an. Wenn es das Angebot gibt.

Ah, also so die Festivals, die bei uns im Norden so stattfinden, da sind Sie als Jazz-Fan dabei. Das kann ich gut verstehen, ja das ist ein schönes Thema. Am meisten inspiriert hat mich…

… die jungen Menschen bei uns im Unternehmen. Mit welcher Akribie und mit welcher Motivation sie Themen angehen, wo ich manchmal den Kopf schüttel und sage: Mensch, das hätte, hat bisher noch keiner gebracht. Die bringen’s aber.

Das glaube ich ist in der Tat inspirierend, wenn man sich in einer solchen Atmosphäre bewegen kann und bewegen darf. Theo Weirich, herzlichen Dank, dass Sie dabei waren, dass Sie mit diesem Podcast mit unterwegs waren. Wir sehen dabei inspirierende Menschen in Schleswig-Holstein, die das Land auf ganz besondere Art und Weise voranbringen und dafür sorgen, dass Schleswig-Holstein nicht das verträumte Ländchen im Norden der Bundesrepublik ist, sondern ein innovatives, modernes und dynamisches Land, das gerade beim Digitalisieren ganz weit vorne mit unterwegs ist. Vielen Dank.

Danke auch.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dr. Bernd Buchholz vor einem Mikrofon.
Echte Chancen. Der neue Podcast.
Perspektiven, die sich hören lassen können: im Podcast über Zukunftsbranchen in Schleswig-Holstein mit Wirtschaftsminister Dr. Bernd Buchholz.
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